Therapie
Nebenwirkungen von medizinischem Cannabis: Was Studien zeigen
Müdigkeit, Mundtrockenheit, Herzrasen – aber auch Psychoserisiko und Abhängigkeit: eine ärztliche Einordnung, was Studienlage und BfArM-Daten tatsächlich zeigen.
Therapie
Müdigkeit, Mundtrockenheit, Herzrasen – aber auch Psychoserisiko und Abhängigkeit: eine ärztliche Einordnung, was Studienlage und BfArM-Daten tatsächlich zeigen.
Eine Patientin fragte mich neulich, ob sie mit dem Cannabisöl noch Auto fahren dürfe. Zwei Wochen zuvor hatte sie es zum ersten Mal genommen, gegen Abend, gegen die Schmerzen im Rücken. Am nächsten Morgen: schwerer Kopf, ein bisschen wie nach zu wenig Schlaf. Kein Einzelfall. Genau solche Alltagsfragen zeigen, wie wenig die Nebenwirkungen von medizinischem Cannabis im öffentlichen Bild vorkommen – dort geht es meistens nur um Wirkung oder um Verbot.
Dabei lohnt sich der nüchterne Blick auf Studien und Register. Sie zeichnen ein differenziertes Bild: häufige, meist milde Beschwerden auf der einen Seite, seltene, aber ernstzunehmende Risiken auf der anderen. Und mittendrin die Frage, die in der Sprechstunde am Ende zählt – passt das zu diesem Menschen, mit dieser Vorgeschichte, in dieser Lebenssituation.
Seit April 2024 ist medizinisches Cannabis durch das Medizinal-Cannabis-Gesetz (MedCanG) kein Betäubungsmittel mehr, verschreibungspflichtig bleibt es trotzdem. Die Hürde für eine Verordnung ist niedriger geworden, nicht aber die ärztliche Sorgfaltspflicht. Wer die Nebenwirkungen kennt, kann informierter entscheiden – und genau darum geht es hier.
Die umfangreichste deutsche Datenquelle zu diesem Thema ist die Begleiterhebung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), die zwischen 2017 und 2022 anonymisierte Daten zu rund 21.000 Cannabis-Behandlungen ausgewertet hat. Die häufigsten Indikationen waren chronische Schmerzen mit über 75 Prozent, gefolgt von Spastik und Appetitlosigkeit bei Tumorerkrankungen. Bei den Nebenwirkungen zeigte sich ein wiederkehrendes Muster, das sich mit der internationalen Literatur deckt.
Bemerkenswert: In der Begleiterhebung führten unerwünschte Wirkungen bei etwa einem Viertel der Behandlungen zum Therapieabbruch, besonders häufig bei Sativex mit den typischen Beschwerden Müdigkeit, Schwindel, Übelkeit und eben jenen Konzentrationsproblemen. Frauen berichteten über alle Präparate hinweg häufiger von Nebenwirkungen als Männer – ein Unterschied, der bislang nicht vollständig erklärt ist, möglicherweise aber mit Körpergewicht, Hormonstatus und unterschiedlicher Metabolisierung zusammenhängt.
In der Praxis sehe ich häufig, dass genau diese ersten Tage entscheidend sind. Wer zu hoch dosiert einsteigt, kippt fast garantiert in Schwindel und Benommenheit – und verliert das Vertrauen in die Therapie, bevor sie überhaupt eine faire Chance bekommen hat. "Start low, go slow" ist keine Floskel, sondern der Kern einer verträglichen Einstellung.
Neben den häufigen, meist harmlosen Beschwerden gibt es eine zweite Kategorie, die seltener auftritt, aber ärztliche Aufmerksamkeit verdient. Dazu zählen ausgeprägte Angstzustände bis hin zu Panikattacken, insbesondere bei hohen THC-Dosen oder ungewohnter Einnahme. Auch Halluzinationen und, in Einzelfällen, akute psychotische Episoden sind dokumentiert – meist dosisabhängig und bei entsprechender Veranlagung wahrscheinlicher.
Kardiovaskulär gilt: Cannabinoide können Herzfrequenz und Blutdruck spürbar, wenn auch meist vorübergehend, verändern. Für Menschen mit vorbestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist das nicht folgenlos – eine zusätzliche Belastung des Herzens kann in Einzelfällen klinisch relevant werden. Die Studienlage zum tatsächlichen kardiovaskulären Langzeitrisiko ist laut Deutschem Ärzteblatt uneinheitlich; belastbare, langfristige Daten fehlen bislang.
Aggressives Verhalten und Albträume wurden in der BfArM-Erhebung als seltene, aber dokumentierte Nebenwirkungen genannt. Das relativiert nicht, wie unangenehm oder belastend so ein Erlebnis für einzelne Betroffene sein kann. Es zeigt aber auch: Wir reden hier über Ausnahmen, nicht über die Regel.
Hier wird es unbequem, weil beide Extreme falsch sind. Cannabis ist weder harmlos noch automatisch eine Einstiegsdroge in die Sucht. Bei regelmäßiger, insbesondere hochdosierter Einnahme kann sich eine Toleranz entwickeln – die gleiche Dosis wirkt dann schwächer, manche Patient:innen steigern von sich aus. Genau an diesem Punkt braucht es ärztliche Begleitung, nicht Selbstmedikation nach Gefühl.
Ein Abhängigkeitspotenzial existiert, das belegen unter anderem die Leitlinienarbeiten der Fachgesellschaften zu cannabisbezogenen Störungen. Es betrifft überwiegend Menschen mit häufigem, hochdosiertem, meist nicht-medizinischem Konsum – im ärztlich begleiteten Therapiesetting, mit Verlaufskontrollen und klarer Indikation, ist das Risiko deutlich geringer, aber nicht null. Entzugssymptome bei abruptem Absetzen nach längerer Einnahme – Reizbarkeit, Schlafstörungen, Appetitverlust – sind real und ein guter Grund, eine Therapie nicht eigenmächtig, sondern schrittweise und in Absprache zu beenden.
Was auch ehrlich gesagt werden muss: Wer bereits eine Suchterkrankung in der Vorgeschichte hat, trägt ein höheres Risiko für einen problematischen Gebrauch. Das ist kein Ausschlussgrund per se, aber ein Punkt, den ich in der Anamnese besonders genau abfrage.
Kontraindikationen und Risikokonstellationen gibt es einige, drei davon möchte ich herausgreifen.
Die deutsche EDSP-Studie, eine zehnjährige Verlaufsuntersuchung an über 1.900 Jugendlichen und jungen Erwachsenen, fand ein annähernd verdoppeltes Risiko für psychotische Symptome bei Cannabiskonsum in der Beobachtungsphase, bei fortgesetztem Konsum stieg das Risiko weiter. Wer selbst oder in der Familie eine Psychose- oder Schizophrenie-Vorgeschichte hat, sollte das im Anamnesegespräch unbedingt ansprechen – hier überwiegt aus meiner Sicht in aller Regel die Zurückhaltung.
Cannabinoide passieren die Plazentaschranke und gehen in die Muttermilch über. Belastbare Sicherheitsdaten für Schwangerschaft und Stillzeit fehlen weitgehend, mögliche Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung sind nicht ausreichend untersucht. Deshalb gilt hier ein klarer Grundsatz: keine Anwendung, außer in eng begründeten Ausnahmefällen und ausschließlich nach individueller ärztlicher Abwägung.
Instabile Angina pectoris, kürzlich durchgemachter Herzinfarkt, schwer eingestellte Herzrhythmusstörungen – bei diesen Vorerkrankungen kann der kurzfristige Anstieg von Herzfrequenz und Blutdruck unter Cannabis zum relevanten Risiko werden. Auch hier gilt: keine pauschale Ablehnung, aber eine Konstellation, die besonders sorgfältig geprüft werden muss.
Seit dem MedCanG ist auch die telemedizinische Verschreibung von medizinischem Cannabis zulässig, was den Zugang erleichtert, ohne die ärztliche Prüfung zu ersetzen. Bei CannaNow läuft das über einen strukturierten Online-Fragebogen, der Vorerkrankungen, Medikation und eben auch die genannten Risikofaktoren abfragt. Anschließend erfolgt die ärztliche Prüfung durch eine Ärztin oder einen Arzt, die oder der im Einzelfall entscheidet, ob eine Behandlung infrage kommt. Fällt diese Entscheidung positiv aus, wird ein E-Rezept ausgestellt, einlösbar in einer selbst gewählten Apotheke – zur Abholung vor Ort oder per Versand.
Wichtig ist mir dabei ein Punkt, der oft untergeht: Diese Prüfung ist kein Formalakt. Sie entscheidet, gestützt auf die individuelle Anamnese, ob und in welcher Form eine Therapie sinnvoll erscheint – und das schließt eben auch die ehrliche Auseinandersetzung mit den genannten Nebenwirkungen und Kontraindikationen ein.
Häufige Beschwerden wie Müdigkeit, Schwindel oder Mundtrockenheit zeigen sich meist innerhalb der ersten Einnahmetage, besonders bei der Dosisfindung. Sie klingen bei vielen Patient:innen mit fortschreitender Gewöhnung ab. Anhaltende oder sich verstärkende Symptome sollten immer mit der behandelnden Praxis besprochen werden, da eine Dosisanpassung im Einzelfall sinnvoll sein kann.
Ein Abhängigkeitspotenzial existiert und ist in der Fachliteratur dokumentiert, betrifft aber überwiegend hochdosierten, unkontrollierten Konsum. Unter ärztlicher Begleitung mit regelmäßigen Verlaufskontrollen ist das Risiko geringer, jedoch nicht ausgeschlossen. Wer die Therapie beenden möchte, sollte das schrittweise und in Absprache mit der Praxis tun, um Entzugssymptome zu vermeiden.
Reaktionsvermögen und Konzentration können durch Cannabinoide beeinträchtigt sein, besonders bei Therapiebeginn oder Dosisänderung. Ob und ab wann Fahrtüchtigkeit im Einzelfall gegeben ist, muss individuell mit der behandelnden Praxis geklärt werden. Eine pauschale Aussage ist hier fachlich nicht seriös möglich.
Studien wie die deutsche EDSP-Untersuchung zeigen ein erhöhtes Risiko für psychotische Symptome bei regelmäßigem Cannabiskonsum, besonders bei psychiatrischer Vorbelastung. Im ärztlich begleiteten Therapiesetting treten psychotische Episoden deutlich seltener auf als bei unkontrolliertem Konsum. Bei entsprechender Vorgeschichte wird eine Behandlung besonders zurückhaltend geprüft.
Nein, belastbare Sicherheitsdaten fehlen weitgehend, und Cannabinoide gehen sowohl über die Plazenta als auch in die Muttermilch über. Von einer Anwendung in Schwangerschaft und Stillzeit wird daher grundsätzlich abgeraten. Ausnahmen kommen allenfalls in eng begründeten Einzelfällen nach sorgfältiger ärztlicher Abwägung infrage.
Laut BfArM-Begleiterhebung führten unerwünschte Wirkungen bei rund einem Viertel der ausgewerteten Behandlungen zum Abbruch, besonders häufig im Zusammenhang mit Müdigkeit, Schwindel, Übelkeit und Konzentrationsstörungen. Eine sorgfältige, langsame Dosistitration zu Beginn kann solche Abbrüche in vielen Fällen verhindern.